LifeOnStage.Net
Redaktion: St.-Benedikt-Str. 3, 85716 Unterschleißheim
Tel.: 0160 37 70 759
kontakt@lifeonstage.net

Klaus Schulze: Ein Nachruf auf den Pionier kosmischer Klänge

Als am 26. April 2022 die Nachricht vom Tod Klaus Schulzes durch die deutsche und internationale Musikwelt lief, war die Bestürzung selbst bei jenen spürbar, die sich nie als eingefleischte Fans elektronischer Musik verstanden hatten. Der gebürtige Hamburger, der seine entscheidenden Lebens- und Arbeitsjahre in Berlin verbrachte, zählte zu jenen Künstlern, deren Tonträger nicht nur gehört, sondern regelrecht als Klanglandschaften bewohnt wurden. Seine Aufnahmen galten Generationen als Tor zu Räumen jenseits des Alltäglichen, ob in dunklen Studios, auf verschlafenen Autofahrten oder im Schein nächtlicher Konzertbühnen.

Schulzes musikalisches Erbe reicht von den späten sechziger Jahren bis weit in die Gegenwart hinein, und es lässt sich kaum an einem einzelnen Genre festmachen. Mal schrieb er sich die Stiletiketten "Kosmische Musik" und "Berlin School" selbst zu, mal verorteten Kritiker sein Schaffen zwischen Ambient, Progressive Rock und orchestraler Elektroakustik. Was ihn auszeichnete, war die Fähigkeit, technische Innovation mit erzählerischer Geduld zu verbinden, sodass aus flüchtigen Klangereignissen Räume von beständiger Tiefe wurden. Über fünf Jahrzehnte hinweg baute er an einem Werk, das zwischen Komposition, Improvisation und Klanginstallation immer neue Übergänge suchte.

Die Anfänge zwischen Tangerine Dream und Ash Ra Tempel

Klaus Schulze wurde 1947 in Hamburg geboren und begann seine musikalische Laufbahn als Schlagzeuger in verschiedenen Beat- und Jazzformationen. Der entscheidende Wendepunkt kam, als er Anfang der siebziger Jahre die gerade entstehende Szene elektronischer Musiker in West-Berlin kennenlernte. Gemeinsam mit Edgar Froese gehörte er 1970 zur Gründungsbesetzung von Tangerine Dream, verließ das Projekt aber bereits vor dem ersten offiziellen Album wieder, weil ihn eigene klangliche Vorstellungen stärker umtrieben als die kollektive Improvisation in einer festen Band.

Nur kurze Zeit später wirkte er an der Seite von Manuel Göttsching und Hartmut Enke bei den ersten Aufnahmen von Ash Ra Tempel mit, jener Formation, die als Keimzelle der deutschen Weltraum-Musik gelten darf. Auch hier blieb Schulze nicht lange, doch die Erfahrung prägte sein späteres Solo-Schaffen nachhaltig. Die Idee, perkussive Elemente und synthesizerische Flächen nicht als Gegensatz, sondern als sich gegenseitig tragende Pole zu begreifen, durchzog von da an nahezu jedes seiner Werke. Diese kurzen Stationen in Gruppenprojekten lassen sich rückblickend als eine Art Vorbereitung lesen, bevor er sich ganz auf seine eigene Sprache konzentrierte, ohne dabei je den Sinn für das Kollektiv zu verlieren.

Trommelwirbel, Synthesizer und kosmische Räume

Was Schulzes Aufnahmen von Beginn an besonders machte, war die ungewöhnliche Verbindung von scheinbar archaischem Schlagwerk und hochkomplexen elektronischen Klangarchitekturen. Er selbst saß hinter dem Schlagzeug, während Sequencer, Minimoog und später immer ausgefeiltere Polyphonsynthesizer das Gerüst seiner Stücke bildeten. Auf seinen frühen Tonträgern kamen zudem so unterschiedliche Geräte wie Mellotron, Cembalo und vorverstärkte Tonbänder zum Einsatz, sodass sein Klangspektrum erstaunlich breit blieb. In Titeln wie "Wahnfried" oder in den mächtigen Live-Improvisationen bewahrte er sich einen körperlichen Puls, den viele rein elektronische Produktionen seiner Zeit vermissen ließen. Dieser bewusst gesetzte Rhythmus verlieh selbst flächigen Klangpassagen eine Art Erdung.

Seine Kompositionen folgten keinem konventionellen Songschema, sondern entwickelten sich über weite Strecken in langen Bögen. Wiederkehrende Motive, langsam modulierte Klangflächen und plötzliche klangliche Verdichtungen erzeugten das, was er selbst gelegentlich als "kosmische Musik" bezeichnete. Diese Dramaturgie aus Spannung und Auflösung, aus erwarteter Ruhe und plötzlichem Aufbruch, machte seine Stücke zu Erlebnissen, die in ihrer Wirkung eher an Kinofilme als an Radiopop erinnerten. Bis heute wirkt diese Haltung nach und ermöglicht es, auch im aktuellen Konzertgeschehen Deutschlands an seine Handschrift anzuknüpfen, wie der Stadt-Report aus Nürnberg zur aufblühenden Live-Szene zeigt.

Meisterwerke zwischen 1972 und 1978

Innerhalb weniger Jahre entstand eine Folge von Alben, die bis heute als klanglicher Maßstab gelten. Bereits das Debüt "Irrlicht" von 1972 zeigte, dass Schulze den Orgelklang eines Moog mit geräuschhaften, fast industriellen Anteilen zu verbinden wusste, begleitet von einem orchestral anmutenden Schlagwerk, das an die Filmmusik eines expressionistischen Stummfilms erinnert. Mit "Cyborg" (1973) und "Timewind" (1975) folgten Aufnahmen, in denen kosmische Klangsphären und rhythmische Präzision eine Einheit eingingen, die später zahlreiche Ambient-Musikerinnen und -Musiker beeinflussen sollte. Die Cover dieser frühen Tonträger, die grafisch oft eigenwillig gestaltet waren, prägten das Bild einer "kosmischen" Schallplatte entscheidend mit.

Eine besondere Stellung nimmt das Album "Mirage" aus dem Jahr 1977 ein, aufgenommen gemeinsam mit Streichern und einem klassisch geprägten Ensemble. Hier zeigte sich Schulzes Fähigkeit, die kühlen Klangflächen der Elektronik mit warmer, geradezu romantischer Tonalität zu verschmelzen, ohne in Kitsch abzudriften. Diese Offenheit gegenüber orchestralen Mitteln prägte sein Schaffen über mehr als vier Jahrzehnte und führte später unter anderem zu ambitionierten Projekten wie dem "Das Wagner Desaster" oder zu seiner Zusammenarbeit mit Sängerinnen wie Lisa Gerrard.

Wichtige Stationen seines Frühwerks:

Die Berliner Schule und ihre internationale Strahlkraft

Schulzes Name ist untrennbar mit dem Phänomen verbunden, das als Berliner Schule der elektronischen Musik in die Geschichte einging. Gemeinsam mit Künstlern wie Edgar Froese, Peter Michael Hamel oder Michael Hoenig formte er eine Strömung, die strukturierten Sequenzen, langen Bögen und einer unverkennbaren Vorliebe für Klangexperimente verpflichtet war. Im Gegensatz zur konkreten elektronischen Komposition, wie sie etwa am WDR-Studio in Köln gepflegt wurde, setzte diese Berliner Gruppe stärker auf Improvisation, auf das gemeinsame Entwickeln von Stücken im Probenraum und auf eine romantisch aufgeladene Klangsprache. Diese Haltung war auch eine Gegenbewegung zu den strengen algorithmischen Verfahren der akademischen Avantgarde.

Die Wirkung reichte weit über Europa hinaus. In Japan, Brasilien und den Vereinigten Staaten fanden Schulzes Aufnahmen eine wachsende Anhängerschaft, seine frühen Tonträger gelten heute international als gesuchte Sammlerstücke. Junge Musikerinnen und Musiker, die später unter Labels wie Kompakt oder mit Projekten wie Gas, Jan Jelinek oder der sogenannten Ambient-Szene bekannt wurden, beriefen sich immer wieder auf Schulze als eine ihrer prägenden Referenzen. Dabei war es weniger der nostalgische Klang als vielmehr die Haltung hinter den Aufnahmen, die faszinierte.

Wer sich für aktuelle Strömungen und ihre Traditionslinien interessiert, findet in den Interviews auf LifeOnStage immer wieder Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern, die sich explizit auf den Berliner-Schule-Kosmos berufen.

Live als Ritual und immersive Geste

Schulze war vor allem auch ein Live-Künstler, und seine Konzerte galten als körperliche wie klangliche Ausnahmereignisse. Über Jahrzehnte hinweg tourte er mit immer umfangreicherer Technik durch Europa, gab umjubelte Auftritte in großen Sälen ebenso wie in kleinen Clubs. Seine Konzerte dauerten häufig mehrere Stunden, durchzogen von ausgedehnten Improvisationen, in denen Sequencer-Loops, analoge Drumatmosphären und synthetische Klangteppiche zu neuen Einheiten verschmolzen. Wer einmal eine seiner langen Nächte erlebt hatte, erinnerte sich oft weniger an einzelne Stücke als an das gemeinsame Eintauchen in eine geteilte Klangwelt, die zeitweise jede Unterscheidung zwischen Bühne und Publikum auflöste.

Seine Auftritte verlangten den Zuhörerinnen und Zuhörern einiges ab, boten ihnen aber im Gegenzug einen Erfahrungsraum, der sich bewusst vom alltäglichen Medienkonsum abhob. Das Publikum war eingeladen, sich auf lange Phasen ohne klaren Höhepunkt einzulassen und auf plötzliche Wendungen zu reagieren. Diese Fähigkeit, den Konzertsaal als immersive Umgebung zu inszenieren, hat er an jüngere Generationen weitergegeben und prägt bis heute eine ganze Reihe experimenteller Live-Formate.

Kennzeichen seiner Konzertpraxis:

Vermächtnis für eine neue Musikergeneration

Heute, da Klaus Schulzes Werk von immer mehr Hörerinnen und Hörern neu entdeckt wird, zeigt sich, wie aktuell seine Grundfragen geblieben sind. Reissue-Labels und Streaming-Algorithmen haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass Tonträger wie "Irrlicht" oder "Mirage" auch bei einem Publikum ankommen, das weit nach dem Ende der klassischen LP-Ära sozialisiert wurde. Wie viel Erzählung verträgt ein rein elektronisches Stück? Wie verbindet man Wiederholung und Entwicklung, ohne in Trivialität zu verfallen? Welche Rolle spielt der Körper, wenn der Klang aus der Steckdose kommt? Diese Fragen stellte Schulze in jedem seiner Stücke aufs Neue, und sie tauchen auch in Diskussionen wieder auf, die wir mit aktuellen Acts führen. Häufig klingen Antworten durch, die an seine damaligen Experimente anknüpfen.

Sein Einfluss lässt sich sowohl bei klassisch ausgebildeten Komponisten als auch bei Club-Produzentinnen und -Produzenten nachweisen. Längst nutzen Musikerinnen wie KMRU oder Produzenten wie Yves Tumor einzelne seiner Ideen als Ausgangspunkt für eigene Konzepte, ohne dass dies immer explizit ausgewiesen wird. Der Respekt vor der Geduld, mit der Schulze seine Klangbauten über viele Minuten hinweg entwickelte, kehrt in aktuellen Releases wieder, in denen Loops, Field-Recordings und modulare Synthese zu neuen Großformen verschmelzen.

Wer heute junge Bands aus dem Ruhrgebiet hört, die mit analogen Synthesizern und langen Improvisationen arbeiten, wird rasch feststellen, dass diese Szene in einem direkten Traditionsverhältnis zu Pionieren wie Schulze steht. Der Beitrag über Bands aus dem Ruhrgebiet zeigt exemplarisch, wie sich solche klanglichen Grundannahmen bis in die Gegenwart fortpflanzen.