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Aphex Twin in der Wuhlheide: Ein Konzertbericht aus Berlin

Es gibt Abende, auf die man sich über Monate freut, ohne genau zu wissen, warum. Aphex Twin in der Berliner Wuhlheide stand seit dem Verkünden des Termins in meinem Kalender, eingetragen mit Kugelschreiber auf einem Notizzettel, der mittlerweile an mehreren Stellen geflickt worden ist. Richard D. James ist eine Ausnahmeerscheinung, ein Produzent, der seit Jahrzehnten das Bild elektronischer Musik neu zeichnet, ohne sich jemals wirklich zu erklären.

Die Anreise nach Berlin-Oberschöneweide verläuft unspektakulär. S-Bahn, ein kurzer Fußweg, die Erinnerung an vergangene Konzerte an gleicher Stelle. Die Wuhlheide gehört zu den Spielstätten, an denen man die Geschichte der Stadt beim Betreten förmlich spürt. Vorbei am S-Bahnhof, durch Alleen, in denen das Laub der spätsommerlichen Bäume einen weichen Teppich bildet. Bereits hundert Meter vor dem Eingang hört man das Murmeln einer Menge, die sich seit Stunden auf den Abend eingestimmt hat.

Am Einlass herrscht weder Hektik noch Entschleunigung, sondern jene seltsame Konzentration, die elektronischen Konzerten eigen ist. Man kontrolliert die Tickets, fragt nach Fotoerlaubnis, weist auf das Verbot von professionellen Kameras hin. Das Publikum ist bunt gemischt: Studierende mit Rucksäcken, ältere Paare in legerer Sommerkleidung, einzelne Besucher, die allein kommen und sich an den Eingangstoren sammeln wie alte Bekannte.

Bereits jetzt liegt eine feierliche Anspannung über dem Gelände. Die Bühne ist von der Hauptwiese aus noch nicht zu sehen, doch die Lautsprecherstapel links und rechts des Areals verraten, dass hier gleich etwas Großes geschehen wird. Wer das Glück hat, einen der vorderen Plätze zu ergattern, wird das Spektakel aus nächster Nähe erleben. Wer weiter hinten steht, sieht wenigstens die Projektionen auf der riesigen Leinwand. Beides hat seinen Reiz.

Eine Bühne mit Geschichte

Die Freilichtbühne Wuhlheide ist weit mehr als eine austauschbare Konzertlocation. Erbaut in den fünfziger Jahren, diente sie ursprünglich als Open-Air-Spielstätte für die DDR-Jugend, bevor sie nach der Wende zu einem der wichtigsten Veranstaltungsorte der Hauptstadt wurde. Eingerichtet im Halbrund eines natürlichen Talkessels, bietet sie Platz für etwa fünftausend Besucher, was sie zu einem mittelgroßen, aber nie beengenden Raum macht.

Die Akustik des Halbrunds hat Vor- und Nachteile. Was von der Bühne kommt, verteilt sich gleichmäßig über die Wiese und erreicht auch die hintersten Reihen mit einer Klarheit, die manchem geschlossenen Konzertsaal fehlt. Allerdings schluckt die offene Bauweise tiefe Bässe stärker, als es in einer Halle der Fall wäre. Bei Aphex Twin, dessen Klangarchitektur ohnehin auf Schichtung und Räumlichkeit setzt, wird dieser Effekt zum gestalterischen Element.

Das Programmheft und die Wegweiser verweisen auf den festival-ruckblick-das-war-das-hurricane-2024-in-scheessel als Vergleichswert für die Größe solcher Freiluft-Erlebnisse. Wer einmal auf einem großen Festival gewesen ist, weiß, dass Open-Air-Konzerte eine eigene Dramaturgie besitzen: Sonne, Wind, die allmähliche Verdunklung, das Einsetzen der ersten Töne bei hereinbrechender Nacht. Die Wuhlheide beherrscht diese Dramaturgie wie kaum ein anderer Ort in der Region.

Visuelle Welten auf der Leinwand

Vor dem eigentlichen Auftritt bleibt die Leinwand dunkel, durchbrochen nur von einem leisen Rauschen und gelegentlichen Testmustern. Wer zu früh kommt, sieht wenig. Wer pünktlich ist, erlebt, wie sich die Bildfläche nach und nach mit Symbolen, Schriftzeichen und sich windenden geometrischen Formen füllt. Die visuelle Sprache von Aphex Twin ist seit den Neunzigern ein eigenes Universum, irgendwo zwischen Computerdemo, Logo-Design und psychedelischer Malerei.

Das Logo des Twin-Projekts, jenes mittlerweile ikonische fratzenhafte Gesicht, taucht mehrfach auf, in ständig neuen Farbgebungen und Verzerrungen. Es wird zerlegt, gestreckt, mit anderen Motiven überlagert. Dazwischen erscheinen Schriftzüge, die keinen erkennbaren Sinn ergeben, in einer Schriftart, die an frühe Computermonitore erinnert. Das Publikum reagiert auf jede neue Sequenz mit kurzem Jubel, als würde man eine alte Bekannte grüßen.

Im hinteren Teil des Sets verdichtet sich das Bildmaterial zu einer Sequenz, die entfernt an computergenerierte Natur erinnert. Wälder, die aussehen wie fraktale Gebilde, Tiere, die sich in geometrische Muster auflösen. Es sind die Momente, in denen das Auge nicht weiß, wohin es schauen soll, weil alles gleichzeitig passiert. Aphex Twin versteht es wie kaum ein anderer, das Publikum in einen Zustand kontrollierter Überforderung zu versetzen.

Der Klang zwischen Chaos und Präzision

Musikalisch bewegt sich der Abend zwischen zwei Polen, die sich gegenseitig durchdringen. Da sind zunächst die klassischen Aphex-Twin-Tracks, kompakt, melodisch eingängig, mit einem Hauch von Ironie. Ihnen gegenüber stehen experimentellere Stücke, die sich aus Drones, Knackgeräuschen und zerhackten Rhythmen zusammensetzen. Beide Stränge gehören zum Kanon des Künstlers, doch selten hat man sie so direkt hintereinander erlebt.

Die Bassgewitter, die den Auftakt bilden, wirken in der Wuhlheide weniger physisch als in einer Halle. Dafür entfalten die mittleren Frequenzen eine Wärme, die der Raum scheinbar verstärkt. Synthesizerflächen schweben über den Köpfen, während im Hintergrund perkussive Elemente arbeiten, die an minimalistische Techno-Sets erinnern. Wer die Augen schließt, hört eine andere Musik als der Nachbar zwei Reihen weiter.

Bemerkenswert ist die Ruhe, die sich während der experimentelleren Passagen ausbreitet. Man könnte meinen, das Publikum wäre unzufrieden mit der Abstraktion, doch das Gegenteil ist der Fall. Es wird konzentriert zugehört, mit einer Aufmerksamkeit, die manchen Popkonzerten abgeht. Die Kompositionen entfalten ihre Wirkung über lange Bögen, und wer sich darauf einlässt, wird mit Klangräumen belohnt, die weit über das hinausgehen, was üblicherweise auf Festivals geboten wird. Ähnliche Konzertabende finden sich regelmäßig unter den neueste Beiträge dokumentiert.

Momente, die hängen bleiben

Es sind nicht die lauten Stellen, die in Erinnerung bleiben, sondern die leisen Übergänge. Gegen Mitte des Sets blendet die visuelle Ebene vollständig ab, die Leinwand zeigt nur noch ein gleichmäßiges Grau, und die Musik tritt für eine kurze Sequenz auf ein Minimum zurück. Eine zarte Melodie, gespielt auf einem analog anmutenden Synthesizer, füllt die Stille. Das Publikum hält den Atem an, manche schließen die Augen.

Ein zweiter Moment: ein älterer Track, der sofort erkannt wird und für Jubel sorgt. Es ist einer jener Songs, die seit Jahrzehnten auf keiner offiziellen Streaming-Plattform fehlen, weil Aphex Twin seine Diskografie konsequent kuratiert. Genau diese Knappheit macht die Live-Aufführung zu einem seltenen Ereignis. Wer den Song noch nie live gehört hat, hört ihn jetzt zum ersten Mal.

Ein dritter Moment, der nicht im Programmheft steht: das plötzliche Anspringen einer alten Drum-Machine-Sequenz, die so klingt, als stamme sie direkt aus den Achtzigern. Der Künstler spielt sie mit einer Verspieltheit, die man ihm auf Grund seines Rufs kaum zutrauen würde. Das Publikum lacht, klatscht, bewegt sich in einem Rhythmus, der zugleich nostalgisch und gegenwärtig wirkt.

Hype, Stille und vereinzelte Tränen

Die Stimmung im Publikum schwankt zwischen Euphorie und Kontemplation. Während der schnelleren Tracks wird getanzt, gedrängt, gejubelt. Während der stilleren Passagen steht man dicht gedrängt und schaut gebannt auf die Leinwand. Es sind die beiden Aggregatzustände, die elektronische Musik besonders gut aushalten kann: Bewegung und Stille, Lärm und Leere.

Bemerkenswert ist die Altersstruktur. Wer Aphex Twin in den Neunzigern entdeckt hat, steht heute mit ergrautem Haar vor der Bühne. Wer ihn erst kürzlich über Streamingdienste kennengelernt hat, ist oft erst halb so alt. Beide Gruppen treffen sich in einer gemeinsamen Konzentration, die für klassische Rockkonzerte selten geworden ist. Es gibt keinen Text, den man mitsingen könnte, und doch entsteht eine Art kollektiver Erfahrung, die sich verbal schwer fassen lässt.

Einzelne Besucher weinen, ohne dass dies pathetisch wirkt. Es sind die Tränen, die manche Kunstformen auslösen können, wenn sie genau den richtigen Ton treffen. Andere schließen die Augen und bewegen den Kopf in einem Rhythmus, der nur für sie selbst existiert. Das Spektrum der Reaktionen ist breit, und niemand scheint sich dafür zu entschuldigen.

Was vom Abend übrig bleibt

Am Ende des Konzerts fällt die Leinwand in vollständige Dunkelheit. Das Publikum steht noch einen Moment, bevor der erste Applaus einsetzt. Es ist kein frenetischer Jubel, sondern ein lang anhaltendes, rhythmisches Klatschen, das sich langsam verliert. Die Lichter auf der Bühne bleiben aus, der Künstler tritt nicht vor den Vorhang, kein Zugabenritual. Aphex Twin macht keine Zugaben, das war schon immer so, und das Publikum akzeptiert es mit einer Selbstverständlichkeit, die bei anderen Künstlern undenkbar wäre.

Auf dem Heimweg durch die nächtlichen Alleen der Wuhlheide hallen einzelne Klangfetzen nach. Man hört Diskussionen über Lieblingsstücke, überraschte Ausrufe, die Frage, wann Richard D. James das nächste Mal in der Region spielen wird. Die Antwort kennt niemand, und vielleicht ist genau das der Reiz: Man hat einen Abend erlebt, der sich nicht beliebig wiederholen lässt.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Klangraum, der zwischen allen Kategorien stand, die man üblicherweise anlegt. Weder Konzert noch Performance, weder DJ-Set noch klassische Aufführung. Es war ein eigenes Format, durchgeführt in einer Umgebung, die ihm entgegenkam. Solche Abende entziehen sich jeder Reproduktion. Sie stehen für sich, einmalig und flüchtig, ein Versprechen, das nur eingelöst wird, wenn man es tatsächlich erlebt.