Mine spricht über ihre Konzertreise durch deutsche Kleinstädte
Mine hat in den letzten Monaten einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Statt auf große Hallen und ausverkaufte Arenen zu setzen, reist die Singer-Songwriterin mit ihrer Band durch Orte, die auf keiner Standard-Tourneekarte verzeichnet sind. Vorstellungen vor fünfzig, achtzig, manchmal hundert Zuhörerinnen und Zuhörern stehen auf dem Programm. Die Musikerin spricht offen über die Beweggründe für dieses Projekt, über stille Momente nach den Konzerten und über die Frage, was eine Kleinstadtbühne mit ihrer Musik macht.
Die Idee klingt im ersten Moment wie ein Widerspruch zur üblichen Konzertlogik. Wer als Künstlerin wachsen will, sucht die großen Bühnen, die Aufmerksamkeit, die mediale Reichweite. Mine hat sich bewusst gegen diesen Reflex entschieden. In einem ausführlichen Gespräch erklärt sie, wie die Idee entstand, welche Orte sie ausgewählt hat und warum die Begegnung mit dem Publikum jenseits der Großstädte für sie inzwischen wichtiger geworden ist als jeder Festivalauftritt.
Das Gespräch wirft einen Blick hinter die Kulissen einer Tournee, die ohne Manager-Limousine, ohne ausgetüftelte Bühnenpyrotechnik und ohne Sicherheitspersonal auskommt. Mine erzählt von langen Autobahnfahrten, verschlafenen Landgasthöfen und von Abenden, an denen nach dem letzten Ton noch lange nicht Schluss ist. Wer ihre Musik bisher nur von Platte kannte, bekommt durch diese Schilderungen ein neues Bild der Künstlerin.
Die Idee hinter der Reise
Alles begann mit einer frustrierenden Erfahrung. Nach einer Reihe von Konzerten in den üblichen Großstadtlocations spürte Mine eine seltsame Leere. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Publikum mich aus der Distanz betrachtet", sagt sie. „Die Räume waren voll, aber ich habe die Menschen nicht wirklich erreicht." Diese Erkenntnis wurde zum Auslöser für ein Projekt, das zunächst eher nach Privatvergnügen klang und sich rasch zu einer ernsthaften Tournee entwickelte.
Während andere Acts dieser Tage das genaue Gegenteil tun und eine Arena-Tournee der Ärzte im XXL-Format ankündigen, setzt Mine auf das Kleine, das Ungeplante, das bewusste Risiko. Sie habe gezielt nach Spielstätten gesucht, die nicht zum Standardrepertoire der deutschen Tourneelandschaft gehören. Kulturhäuser in Kleinstädten, Dorfgemeinschaftshäuser, ein altes Kino in der Uckermark, eine Buchhandlung mit Veranstaltungsraum in Franken. „Ich wollte dorthin, wo meine Musik nicht selbstverständlich auf dem Programm steht", erklärt sie.
Die Auswahl der Orte folgte keinem kommerziellen Kalkül. Mine verschickte selbst E-Mails an lokale Veranstalter, telefonierte mit Engagierten vor Ort und baute sich auf diese Weise ein Netzwerk auf, das sie zuvor nicht kannte. Manche Zusagen kamen erst nach Wochen, andere blieben ganz aus. Genau diese Unvorhersehbarkeit sei Teil des Reizes, sagt sie. Wer nur auf die großen Städte setze, verliere leicht den Blick dafür, was in den Regionen musikalisch passiere.
Begegnungen abseits der Metropolen
Die Geschichten, die Mine aus den Kleinstädten mitbringt, klingen wie aus einem anderen Musikzeitalter. In einem schwäbischen Städtchen habe eine ältere Dame ihr nach dem Konzert einen selbst gebackenen Marmorkuchen überreicht, in einer nordfriesischen Gemeinde sei ein junger Mann nach dem Auftritt zwei Stunden geblieben, um mit ihr über ein bestimmtes Lied zu sprechen. Solche Begegnungen seien in Hamburg, Berlin oder München selten geworden, gibt Mine zu. „In den Großstädten sind die Leute nach dem Konzert oft schon auf dem Weg zur nächsten S-Bahn."
Die Auftrittsorte selbst unterscheiden sich enorm voneinander. Manche bieten kaum mehr als eine Steckdose und einen wackeligen Stuhl, andere überraschen mit einer erstaunlich professionellen Technik. Mine hat gelernt, sich auf beide Extreme einzulassen. Ihre Band besteht aus drei Musikerinnen und Musikern, die Flexibilität gewohnt sind. Das Schlagzeug wird je nach Raum akustisch abgedämpft, die Gitarrenverstärker entsprechend niedrig eingestellt. „Wir spielen leiser als in den Clubs, aber wir spielen präsenter", beschreibt sie den Unterschied.
Besonders berührt habe sie ein Konzert in einem Altenpflegeheim, das sie kurzfristig in ihr Programm aufgenommen habe. „Drei Bewohnerinnen haben mitgesungen, obwohl sie den Text kaum kannten." Solche Momente ließen sich nicht planen, sagt Mine, und genau das mache den Wert dieser Tournee aus. In den folgenden Wochen habe sie begonnen, gezielt nach solchen ungewöhnlichen Spielstätten zu suchen, auch wenn die Gage dabei oft nur einen Bruchteil dessen betrug, was bei einem Auftritt in der Großstadt üblich ist.
Musikalische Auswahl für intime Spielstätten
Die Setlist einer Kleinstadttournee unterscheidet sich grundlegend von der eines Festivalgigs. Mine verzichtet auf die lauten Stücke, die in großen Hallen für Stimmung sorgen, und konzentriert sich auf leise, persönliche Songs. „Ein Lied wie 'Stadt' funktioniert in einer kleinen Kirche völlig anders als auf der Bühne eines Festivals", sagt sie. Die Leute hörten genauer hin, die Pausen zwischen den Stücken würden länger, manchmal unangenehm lang, und gerade dadurch entstehe eine Intensität, die in der Musikindustrie als unverkäuflich gelte.
Diese Herangehensweise teilt Mine mit einer Reihe anderer deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler, die derzeit ähnliche Wege gehen. Wer sich für die Entwicklungen der hiesigen Musikszene interessiert, findet in der Albumkritik zu Marteria eine bemerkenswerte Parallele: Auch dort überrascht ein Künstler mit einer Reduktion, die zunächst ungewöhnlich erscheint. Mine hat das Album aufmerksam gehört. „Es zeigt, dass Reduktion kein Eingeständnis von Schwäche ist, sondern eine bewusste Entscheidung", sagt sie.
Bei der Programmierung achtet Mine zudem auf lokale Bezüge. In Niederbayern spielt sie Lieder mit bairischen Textfragmenten, in Ostfriesland greift sie auf plattdeutsche Versatzstücke zurück, soweit es die Originaltexte zulassen. Diese Anpassungen seien kein Marketinggag, sondern Ausdruck von Respekt gegenüber dem Publikum. Wer sich die Mühe mache, eine Kleinstadt zu besuchen, solle auch merken, dass die Künstlerin sich mit dem Ort beschäftigt habe.
Herausforderungen unterwegs
Eine Tournee durch die Kleinstädte ist kein Selbstläufer. Die Wege zwischen den Auftrittsorten sind oft lang, die Übernachtungsmöglichkeiten überschaubar, die Tagespausen rar gesät. Mine erzählt von Fahrten, die wegen eines Staus auf der A7 von acht auf vierzehn Stunden anwuchsen, von Frühstückspensionen mit dünnen Wänden und von Abenden, an denen die Stimme vor Erschöpfung versagte. „Ich bin keine Maschine", sagt sie offen. „Es gibt Tage, da frage ich mich, ob ich mir das wirklich antue."
Doch die Strapazen relativieren sich schnell, wenn der Auftritt beginnt. Die fehlende Bühnentechnik, die in Großstädten als selbstverständlich gilt, erzwinge eine Rückkehr zum Handwerk. Mine spielt in diesen Konzerten fast ausschließlich auf einem akustischen Klavier oder einer Gitarre, ohne aufwändige Lichtshow, ohne Videoleinwände, ohne verstärktes Schlagzeug. „Es ist eine Rückkehr zu dem, was Musik am Anfang war: eine Person, ein Instrument, ein Raum voller Menschen."
Auch das Publikum verhalte sich anders. In den Kleinstädten werde nicht unentwegt fotografiert, nicht gefilmt, nicht in sozialen Netzwerken geteilt. Es werde zugehört. Diese Form der Aufmerksamkeit empfinde sie als größeres Geschenk als jeder Applaus. Die Veranstalter vor Ort, oft ehrenamtlich Engagierte, investieren viel Herzblut in die Abende. Mine versuche, dieses Engagement zu erwidern, indem sie nach den Konzerten immer noch für Gespräche zur Verfügung stehe, Autogramme schreibe und mitunter bis tief in die Nacht bleibe.
Was bleibt nach den Konzerten
Am Ende der Tournee wird Mine mehr mitnehmen als ein paar Erinnerungsfotos. Die Erfahrungen aus den Kleinstädten haben ihr musikalisches Selbstverständnis verändert. Sie wisse nun, dass ihre Songs nicht von großen Räumen abhängig seien, um zu wirken. „Die Lieder funktionieren auch dann, wenn nur eine Handvoll Menschen zuhören", sagt sie. Diese Erkenntnis sei unbezahlbar.
Ob Mine nach dieser Tournee weitere ähnliche Projekte plant, lässt sie offen. Sicher sei, dass die Großstädte nicht aus ihrem Programm verschwinden werden. Aber die Sehnsucht nach den leisen Abenden in den kleinen Hallen werde bleiben. Wer selbst einmal erleben möchte, wie eine solche Begegnung zwischen Künstlerin und Publikum aussieht, sollte die Augen nach den nächsten Terminen offenhalten. Anregungen und Hinweise auf kleine Spielstätten erreichen die Redaktion über den Kontakt der Seite.
Die Tournee habe ihr zudem gezeigt, wie viel musikalisches Potenzial in den Regionen schlummere, das von der überregionalen Berichterstattung kaum beachtet werde. „Wenn ich nur eines erreiche mit dieser Reise", sagt Mine, „dann hoffentlich, dass die Leute wieder hingehen, wenn ein Konzert vor ihrer Haustür stattfindet."
Hinweise für Konzertbesuche abseits der Großstädte
Wer selbst einmal ein Konzert in einer Kleinstadt besuchen möchte, profitiert von einer etwas anderen Herangehensweise als in der Großstadt.
- Vorab über die Spielstätte informieren, oft sind die Plätze begrenzt und nicht nummeriert
- Bargeld mitnehmen, da nicht überall Kartenzahlung an der Abendkasse möglich ist
- Frühzeitig anreisen, weil Parkplätze in Kleinstädten rar gesät sind
- Auf die Hinweise der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer achten, sie kennen den Raum am besten
- Nach dem Konzert Zeit mitbringen, viele Künstlerinnen und Künstler schätzen das persönliche Gespräch
- Lokale Gastronomie unterstützen, oft gibt es vor oder nach dem Konzert kleine Imbisse
- Auf das Posten in sozialen Medien verzichten und den Abend bewusst aufnehmen