Zwischen Proberaum und Bühne: Ein Blick in den Touralltag von Von Wegen Lisbeth
Von Wegen Lisbeth gehören seit Jahren zu den prägenden Stimmen der jungen deutschen Indie-Szene. Mit ihrer Mischung aus poetischen Texten, eingängigen Gitarrenläufen und einer unaufgeregten Bühnenpräsenz haben sie sich einen festen Platz im Programm vieler Festivals erspielt. Wer die Band live erlebt, spürt, dass hinter jeder Show eine eingespielte Routine steckt, die über Jahre gewachsen ist. In einem ausführlichen Gespräch haben sie ihre Erfahrungen geschildert und einen überraschend bodenständigen Blick hinter die Kulissen gewährt.
Aktuell befinden sich die Musiker mitten in einer Konzertreihe durch deutsche Städte, die sie unter anderem nach Köln, Hamburg, München und erneut in ihre Heimatstadt Berlin führt. Die Tour markiert einen weiteren Abschnitt einer inzwischen dichten Bandgeschichte, in der Studioaufnahmen, Festivalauftritte und ausverkaufte Clubabende eng beieinanderliegen. Wer mehr über aktuelle Veröffentlichungen lesen möchte, findet auf LifeOnStage eine wachsende Sammlung an Texten und Bildern.
Die Gelegenheit für das Treffen bot sich nach einem Auftritt in einem norddeutschen Club, bevor es am nächsten Morgen weiter Richtung Süden ging. Bei Kaffee und leiser Hintergrundmusik erzählten die Mitglieder, wie sehr sich ihre Arbeitsweise in den letzten Jahren verfeinert hat. Auch über künftige Projekte, die sie in ihrem Berliner Proberaum vorbereiten, sprachen sie offen und ohne den üblichen Promotionsprech der Branche.
Eine Tournee ist heute weit mehr als eine Aneinanderreihung von Konzerten. Sie ist eine mobile Lebensform, in der Schlaf, Stimme, Instrumente, Teamwork und spontane Begegnungen jeden Tag aufs Neue austariert werden müssen. Genau über diese Balance zwischen Anspannung und Gelassenheit haben Von Wegen Lisbeth geredet, und ihre Antworten zeichnen das Bild einer Band, die ihren Rhythmus gefunden hat.
Wochen vor dem Tourstart
Bereits mehrere Wochen vor dem ersten Konzert beginnt für die Band die eigentliche Vorbereitungsphase. Gitarren werden neu besaitet, die Setlist wird umgeschichtet, einzelne Übergänge zwischen Songs werden feinjustiert. Auch das technische Equipment wird gewartet, alte Kabel aussortiert und Ersatzteile organisiert. Diese ruhige Vorarbeit sei mittlerweile fast wichtiger geworden als die Proben selbst, erzählen die Musiker beim Treffen.
Ein wichtiger Bestandteil ist die Abstimmung mit dem Tourteam. Licht-, Ton- und Backstagecrew müssen wissen, was an den jeweiligen Spielorten möglich ist und wo es klangliche Besonderheiten gibt. In wöchentlichen Videokonferenzen wird der Ablauf von Woche zu Woche konkreter, ergänzt durch handschriftliche Notizen in einem gemeinsamen Ordner. Diese Mischung aus digitaler Planung und analoger Übersicht schaffe eine Verlässlichkeit, die auf der Bühne befreit wirke.
Auch gesundheitliche Aspekte werden frühzeitig bedacht. Eine bewusste Ernährungsumstellung einige Wochen vor Beginn könne wahre Wunder wirken, sagen die Musiker. Wer vor der Tour noch regelmäßig Sport treibt, hält den Kreislauf stabil und beugt typischen Erkältungen vor, die bei häufigen Klimawechseln auftreten. So versucht die Band, bereits im Vorfeld die Weichen für eine möglichst reibungslose Reise zu stellen.
Der Morgen eines Konzerttages
Am Tag selbst beginnt der Alltag deutlich später, als viele vermuten würden. Die Musiker stehen selten vor neun Uhr auf, gönnen sich ein ausgedehntes Frühstück und lesen in Ruhe Zeitung. Das Frühstück sei fast schon ein kleines Ritual, bei dem alle gemeinsam am Tisch sitzen, auch wenn es nur Müsli, Kaffee und ein paar Brote sind. Diese kurze Pause am Morgen schaffe einen Anker im sonst so mobilen Leben.
Danach geht es an die körperliche und stimmliche Vorbereitung. Ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft, gymnastische Übungen für Rücken und Nacken, ein Glas lauwarmes Wasser mit Salz zum Gurgeln gehören fest zum Ablauf. Auch gemeinsames Einsingen ist Teil der Routine, gerade bei Spielorten mit akustisch schwierigen Räumen. Diese Phase empfinden die Bandmitglieder als ein konzentriertes Sammeln vor dem Sturm.
Vor dem Verlassen der Unterkunft wird das Equipment ein letztes Mal gecheckt. In-Ear-Monitore werden geladen, Ersatzsaiten eingepackt, Notizen für die Ansagen sortiert. Wer welche Aufgabe übernimmt, ist seit Jahren durchgesprochen und bedarf keiner großen Absprache mehr. Diese Verlässlichkeit empfinden die Musiker als Geschenk, das ihnen erlaubt, den Tag mit Leichtigkeit anzugehen.
Soundcheck und Bühnengefühl
Am Nachmittag erreichen die Musiker die Spielstätte. Hier beginnt die Phase, die viele Bands als den eigentlichen Kern des Touralltags betrachten: der Soundcheck. Im Saal wird mit dem Tontechniker an der Abstimmung der Instrumente gefeilt, der Hall auf der Stimme eingestellt und die Monitorlautstärke überprüft. Manchmal dauert dieser Prozess eine halbe Stunde, manchmal zieht er sich über zwei Stunden hinweg, wenn der Raum ungewöhnlich klingt.
Besonders wichtig ist der Band die Akustik im hinteren Teil des Saales. Wie hört sich ein Gitarrensolo ganz hinten an? Wie verhält sich die Stimme in der Mitte? Solche Fragen werden durch gezielte Positionswechsel beantwortet, wobei ein Mitglied jeweils an einer anderen Stelle steht und den Klang beurteilt. Das klinge vielleicht pingelig, sei aber entscheidend dafür, dass am Ende alle Gäste ein gleich gutes Hörerlebnis haben.
Nach dem Soundcheck bleibt meist noch eine Stunde, in der sich die Mitglieder zurückziehen, Tonleitern auf der Gitarre spielen oder Texte leise wiederholen. Auch kurze Gespräche mit dem Veranstalter oder befreundeten Bands gehören dazu. Wer sich für andere Acts interessiert, die parallel auf Tour sind, findet aktuelle Beispiele auf den neuesten Beiträgen des Magazins.
Reisen zwischen den Konzerten
Zwischen den einzelnen Konzerten liegen oft nur wenige Stunden. Mal sind es drei Stunden im Bus, mal eine kurze Zugfahrt, mal ein Flug über eine halbe Stunde. Diese Wege sind die wahrscheinlich unterschätztesten Phasen einer Tour, weil in ihnen Energie aufgebaut und gleichzeitig wieder verbraucht wird. Wer hier nicht aufpasst, riskiert, am Abend müde auf der Bühne zu stehen.
Die Band hat gelernt, diese Stunden bewusst zu gestalten. Bücher werden gelesen, Karten werden ausgetauscht, bestimmte Hörbücher begleiten ganze Tourabschnitte. Auch das Bandsprecher-Wechsel-System ist mittlerweile eingespielt, mit dem das Fahren fair aufgeteilt wird, damit jeder genug Schlaf bekommt. Lange Gespräche über zukünftige Albumideen entstehen gerade in diesen Momenten, in denen der Blick aus dem Fenster schweift und der Kopf frei wird.
Nicht zu unterschätzen sind allerdings die unvorhergesehenen Momente: ein Stau mitten in der Dämmerung, eine ungeplante Pause, ein kleiner Defekt am Bus, der improvisiert gelöst werden muss. Diese Zwischenfälle schweißen das Team zusammen und gehören für die Band zum Reisealltag dazu. Überhaupt sei die Tour ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem jede helfende Hand zähle, von der Fahrerin bis zum Merchandise-Verantwortlichen.
Treffen mit dem Publikum
Eine Besonderheit im Touralltag von Von Wegen Lisbeth ist der enge Kontakt zum Publikum. Schon vor dem eigentlichen Konzert treffen sich die Musiker immer wieder mit Fans, tauschen sich vor dem Backstagebereich aus und geben Autogramme. Solche Begegnungen seien für sie der eigentliche Lohn vieler Reisen, sagt ein Mitglied, während die anderen zustimmend nicken.
Auch bei den Konzerten selbst legt die Band Wert auf Zwischentöne. Zwischen den Songs gibt es kurze Ansagen, in denen die Geschichte hinter einem Lied erzählt oder ein Dank an die Helfer ausgesprochen wird. Solche Worte seien spontan und würden nicht vorbereitet, sie entstünden im Moment selbst. Genau diese Direktheit mache die Konzerte für viele so besonders.
Wer eigene Eindrücke mit anderen Künstlerinnen und Künstlern vergleichen möchte, kann sich am Vorab-Review des ersten Songs vom neuen Album der Broilers orientieren, das aktuell durch die Medien geht und zeigt, wie lebendig die deutsche Rockszene derzeit ist.
Ruhe und Regeneration
Nach dem Konzert bleibt kaum Zeit für ausgiebige Feiern. Die Band zieht sich meist nach wenigen Minuten an der Theke oder einem kurzen Gespräch mit dem Veranstalter in die Unterkunft zurück. Hier zeigen sich die Vorteile einer bewussten Routine: eine heiße Dusche, eine kurze Dehneinheit, ein großer Becher Wasser mit Magnesium und ein paar Minuten Stille reichen oft aus, um den Tag entspannt ausklingen zu lassen.
Schlaf wird auf Tour zur kostbaren Ressource. In manchen Nächten sind es nur vier oder fünf Stunden, bevor der nächste Reise- und Spieltag anbricht. Die Band hat deshalb Rituale entwickelt, mit denen sie trotzdem zur Ruhe kommt. Eine Mitleserin schwört auf Lavendelöl, ein anderer auf das Hören einer Meditationsmusik, ein weiterer auf das stille Lesen derselben Graphic Novel, die ihn seit Jahren begleitet. Diese kleinen Anker helfen, auch in wechselnden Hotelzimmern ein Stück Vertrautheit zu schaffen.
Wichtig sei auch der bewusste Verzicht auf zu viel Bildschirmzeit vor dem Schlafen. Wer nachts durch Social Media scrollt, wacht am nächsten Morgen oft gerädert auf, erzählen die Musiker mit einem leichten Schmunzeln. Also werden Handys frühzeitig weggelegt, der Wecker klassisch gestellt und die Vorhänge so geschlossen, dass das Licht der Stadt nicht stört.
Lieblingsorte und kleine Traditionen
Über die Jahre haben sich entlang der Tourstrecke besondere Lieblingsorte herauskristallisiert. Ein bestimmter Plattenladen in Leipzig, ein Café in Freiburg, ein Spazierweg am Mainufer in Frankfurt - solche Orte sind zu kleinen Markern geworden, an denen die Bandmitglieder die Tour in ihrer eigenen Erinnerung verorten. Sie sind nicht nur Zwischenstopps, sondern Teil einer wachsenden Landkarte persönlicher Eindrücke.
Hinzu kommen kleine Traditionen. Vor jedem Tourauftakt wird gemeinsam ein bestimmtes Gericht gekocht, das seit Jahren eine Art internes Eröffnungsritual darstellt. Auch das gemeinsame Hören eines Lieblingsalbums vor der Show gehört dazu, das in immer derselben Reihenfolge abgespielt wird. Solche wiederkehrenden Handlungen schaffen einen inneren Kompass, der gerade dann hilft, wenn der äußere Rahmen unruhig wird.
Zum Abschluss des Gesprächs wurde deutlich, dass Von Wegen Lisbeth ihre Tourroutine als ein stetig wachsendes Gebilde verstehen. Sie ist nie in Stein gemeißelt, sondern wird Saison für Saison um neue Erfahrungen ergänzt. Wer die Band demnächst live erlebt, wird diese gesammelte Routine nicht sehen, aber vielleicht in jedem Ton, jedem Blickkontakt und jeder kleinen Geste zwischen den Songs ein Stück davon erahnen können. Und vielleicht, so erzählen sie zum Schluss, ist genau dieses unsichtbare Gerüst das, was das Live-Erlebnis von Von Wegen Lisbeth so besonders macht.