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Wie das Fusion Festival seine Musik auswählt

Wer das Fusion Festival besucht, erlebt ein Programm, das sich nur schwer in eine einzelne Schublade stecken lässt. Elektronische Nächte, wilde Livebands, experimentelle Projekte, Rap, Punk, Jazz, Theater und internationale Clubmusik stehen nebeneinander, ohne dass daraus ein beliebiges Sammelsurium entsteht. Hinter dieser Mischung steckt eine langfristige kuratorische Arbeit, die weit über das Buchen möglichst großer Namen hinausgeht.

Für die Künstlerauswahl ist ein Team verantwortlich, das Szenen beobachtet, Konzerte besucht, Demos hört und Kontakte zu Veranstaltern, Labels und Musikerinnen pflegt. Viele Acts, die später auf dem Gelände in Lärz für Überraschungen sorgen, sind zum Zeitpunkt ihrer Anfrage noch keine bekannten Festivalnamen. Gerade diese Entdeckungen gehören zum besonderen Charakter der Veranstaltung.

Im Gespräch erklärt der Booker, wie neue Bands und Soloacts gefunden werden, welche Rolle Livequalität spielt und warum ein prominenter Headliner nicht automatisch die wichtigste Entscheidung im Programm ist. Er spricht außerdem über Genregrenzen, politische Verantwortung und die Frage, wie sich ein Festival mit begrenzten Bühnenkapazitäten trotzdem offen für neue Musik halten kann.

Das Gespräch bewegt sich damit zwischen künstlerischem Instinkt und genauer Planung. Wer sich für aktuelle Musikberichte interessiert, kennt die Spannung zwischen einem gelungenen Konzertmoment und den vielen Entscheidungen, die ihm vorausgehen. Beim Fusion Festival beginnt diese Spannung oft Monate oder sogar Jahre vor dem ersten Ton.

Der erste Kontakt entsteht selten am Schreibtisch

Wie beginnt die Suche nach neuen Acts?

Booker: Ein großer Teil unserer Arbeit findet außerhalb klassischer Bewerbungswege statt. Wir bekommen natürlich E-Mails mit Links, Promomaterial und Anfragen von Agenturen. Noch wichtiger ist aber, dass wir Konzerte besuchen. Wir schauen uns kleine Clubs, Off-Locations, Nachwuchsabende und Festivals an, bei denen Künstlerinnen und Künstler noch nicht im üblichen Branchenraster auftauchen. Ein Auftritt kann dabei entscheidender sein als eine perfekt produzierte EP.

Wir achten auf Situationen, in denen ein Act vor einem schwierigen Publikum bestehen muss. Wie reagiert eine Band, wenn der Sound nicht ideal ist? Schafft sie es, einen Raum innerhalb weniger Minuten zu erreichen? Gibt es eine eigene Sprache, eine erkennbare Haltung und einen Umgang mit dem Publikum, der über eingeübte Ansagen hinausgeht? Solche Dinge lassen sich aus Streamingzahlen oder Social-Media-Clips nur begrenzt ablesen.

Spielt die Größe der bisherigen Reichweite eine Rolle?

Booker: Sie ist eine Information, aber kein Ausschlusskriterium. Ein Projekt mit wenigen monatlichen Hörerinnen kann für unser Programm interessanter sein als ein Act mit einer großen Onlinegemeinde. Reichweite zeigt, dass Aufmerksamkeit vorhanden ist. Sie sagt aber nicht automatisch, ob ein Auftritt in unsere Umgebung passt oder ob die Musik auf dem Gelände eine besondere Energie entwickelt.

Wir suchen häufig nach Künstlern, die sich an einer Schwelle befinden. Sie haben bereits eine eigene Handschrift, sind aber noch nicht vollständig durch Erwartungen festgelegt. Bei solchen Acts kann man eine Entwicklung beobachten. Gleichzeitig muss die Qualität stimmen. Ein Festival ist kein Proberaum, und wir können niemanden allein aus Sympathie auf eine Bühne stellen.

Ein Festivalprogramm braucht mehr als Genres

Das Fusion-Programm wirkt sehr vielfältig. Nach welchen musikalischen Kriterien wird diese Vielfalt organisiert?

Booker: Wir denken weniger in starren Genres als in Beziehungen. Natürlich gibt es elektronische Musik, Gitarrenbands, Rap, experimentelle Formate und Clubkultur. Entscheidend ist aber, wie diese Elemente miteinander funktionieren. Ein ungewöhnliches DJ-Set kann neben einer Noise-Band genau richtig sein, wenn beide eine ähnliche Intensität oder eine vergleichbare Offenheit besitzen. Umgekehrt können zwei Acts aus demselben Genre völlig unpassend nebeneinanderstehen.

Wir fragen uns: Welche Atmosphäre entsteht an diesem Ort? Welche Geschichte erzählt eine Bühne über einen Abend hinweg? Und wo kann ein Publikum etwas entdecken, das es vorher nicht erwartet hat? Die Abfolge ist deshalb genauso wichtig wie die Einzelbuchung. Ein Festivalbesuch besteht aus vielen Entscheidungen, Umwegen und zufälligen Begegnungen. Das Programm sollte diese Bewegungen unterstützen, statt sie zu stark vorzuschreiben.

Wie verhindert ihr, dass Vielfalt zur bloßen Dekoration wird?

Booker: Vielfalt muss in der Auswahl beginnen und sich durch die Arbeitsweise fortsetzen. Es reicht nicht, unterschiedliche Genres oder Herkunftsländer auf ein Plakat zu schreiben. Wir wollen Künstlerinnen und Künstler mit verschiedenen Perspektiven zeigen und ihnen Bedingungen schaffen, unter denen sie ihre Musik selbstbewusst präsentieren können. Dazu gehören angemessene Spielzeiten, gute Betreuung und eine ernsthafte Kommunikation.

Auch innerhalb einer Szene schauen wir genauer hin. Wer bekommt Sichtbarkeit? Wer wird regelmäßig eingeladen, wer wird überhört? Dabei geht es nicht darum, Quoten mechanisch zu erfüllen. Es geht um Aufmerksamkeit und darum, eingefahrene Gewohnheiten zu erkennen. Wenn unser Blick immer wieder bei denselben Agenturen, Städten oder Medien landet, wird das Programm zwangsläufig enger.

Welche Rolle spielt die Sprache der Musik?

Booker: Eine sehr kleine. Musik muss nicht in deutscher oder englischer Sprache funktionieren, um ein Publikum zu erreichen. Rhythmus, Klangfarbe, Bühnenpräsenz und die emotionale Direktheit eines Stücks können unmittelbarer sein als der Text. Gerade auf einem internationalen Festivalgelände entstehen interessante Momente, wenn Menschen einem Act folgen, dessen Sprache sie nicht verstehen.

Natürlich sind Texte wichtig, besonders bei politischem Rap oder Liedermacherinnen. Dann prüfen wir auch den Kontext und die Haltung. Aber Verständlichkeit darf nicht mit Qualität verwechselt werden. Ein Festival sollte Räume für Musik öffnen, die nicht sofort nach bekannten Maßstäben lesbar ist.

Der Liveauftritt entscheidet über die Buchung

Was muss eine Band bei einem Showcase oder Konzert zeigen, um euch zu überzeugen?

Booker: Sie muss nicht perfekt sein. Ein gewisses Risiko gehört zur Livekultur. Was wir suchen, ist Präsenz. Das kann eine sehr körperliche Show sein, ein konzentriertes Zusammenspiel oder eine radikale Ruhe. Wichtig ist, dass die Musik im Raum etwas verändert. Wenn ein Act nur die Studioaufnahme möglichst exakt reproduziert, fehlt manchmal der Grund, ihn live zu erleben.

Wir sprechen nach einem Konzert oft über die Dynamik zwischen Bühne und Publikum. Wird Energie zurückgegeben? Entsteht ein gemeinsamer Moment? Kann die Band mit einem kleinen Raum umgehen, ohne sich kleiner zu machen? Viele Gruppen wachsen erst durch größere Bühnen. Dann muss man ihnen zutrauen, dass sie diesen Schritt bewältigen, aber auch sehen, ob eine Entwicklung möglich ist.

Wie stark beeinflussen technische Anforderungen die Entscheidung?

Booker: Technische Fragen sind relevant, aber selten das Hauptargument gegen einen Act. Ein ungewöhnliches Setup kann organisatorisch aufwendig sein, doch genau daraus entstehen manchmal besondere Auftritte. Wir müssen wissen, welche Ausstattung benötigt wird, wie lange der Aufbau dauert und ob die Infrastruktur das zulässt. Diese Fragen klären wir früh mit Produktion und Künstlerteam.

Es gibt allerdings Grenzen. Wenn ein Projekt nur unter Bedingungen funktioniert, die andere Bühnen und Abläufe massiv blockieren, müssen wir sehr genau abwägen. Das Festival ist ein komplexes System. Ein langer Soundcheck kann bei einer großen Bühne Auswirkungen auf mehrere spätere Konzerte haben. Gute Planung schafft Freiräume, sie kann aber nicht jede Forderung erfüllen.

Sind Demoaufnahmen noch wichtig?

Booker: Ja, aber eher als Ausgangspunkt. Ein Demo kann eine Idee enthalten, die in einer professionellen Produktion an Spannung verliert. Wir hören deshalb auch unfertige Aufnahmen. Manchmal bekommen wir nur ein Handyvideo aus einem Proberaum und erkennen darin mehr Persönlichkeit als in einer makellosen Pressemappe.

Die Entwicklung eines Acts interessiert uns sehr. Bei der Recherche stoßen wir auf Geschichten, in denen aus kleinen Clubshows langsam größere Bühnen werden. Die Geschichte von Provinz zeigt beispielsweise, wie wichtig frühe Liveerfahrungen für den Weg einer Band sein können. Ein Festival kann an einem solchen Prozess teilhaben, ohne ihn künstlich beschleunigen zu wollen.

Zwischen Entdeckung und Verantwortung

Wie geht ihr mit Acts um, die politisch oder gesellschaftlich klare Positionen vertreten?

Booker: Ein Festival ist kein neutraler Wartebereich. Jede Einladung sagt etwas darüber aus, wem wir eine Bühne geben und welche Formen von Gemeinschaft wir unterstützen. Wir beschäftigen uns deshalb mit der Haltung eines Projekts, mit problematischen Aussagen und mit dem Umgang innerhalb der Band. Das betrifft Menschenrechte, Diskriminierung, Gewalt und politische Propaganda.

Dabei unterscheiden wir zwischen einer unbequemen künstlerischen Position und menschenfeindlicher Ideologie. Provokation allein ist kein Qualitätsmerkmal. Ein Act darf Widersprüche und Konflikte sichtbar machen, aber er darf keine Gruppen entwürdigen oder ein Publikum gezielt einschüchtern. Bei Unsicherheiten sprechen wir mit den Beteiligten und holen Informationen aus mehreren Quellen ein.

Kann ein umstrittener Act trotzdem gebucht werden?

Booker: Es kommt auf den konkreten Fall an. Wir arbeiten nicht mit einer einfachen Liste erlaubter und unerlaubter Aussagen. Es gibt Situationen, in denen Missverständnisse aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Es gibt aber auch Fälle, in denen eine Haltung eindeutig und wiederholt menschenfeindlich ist. Dann endet die Diskussion für uns bei der Buchung.

Verantwortung betrifft außerdem die Bedingungen vor Ort. Wir müssen wissen, ob sich Künstlerinnen sicher fühlen, ob sie respektvoll behandelt werden und ob das Publikum Anlaufstellen bei Problemen kennt. Awareness, Zugangsschutz und eine klare Kommunikation sind keine Nebenthemen. Sie beeinflussen, ob ein musikalischer Abend für alle Beteiligten gelingen kann.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit lokalen Szenen?

Booker: Sehr wichtig. Viele Impulse kommen aus Städten und Regionen, die in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent sind. Wir sprechen mit kleinen Veranstaltern, Kollektiven, Proberäumen und Musikerinnen, die ihre Umgebung genau kennen. Diese Kontakte führen oft zu Empfehlungen, die kein Algorithmus liefern würde.

Außerdem verändert ein Festival die Landschaft, aus der es schöpft. Wenn wir lokale Acts einladen, wollen wir nicht bloß eine symbolische Bühne anbieten. Die Künstler sollen in das Programm eingebunden sein und ein Publikum erreichen, das sie sonst vielleicht nicht entdeckt hätte. Idealerweise entstehen daraus weitere Konzerte, Kooperationen und langfristige Verbindungen.

Warum nicht jeder große Name passt

Wie entscheidet ihr, ob ein bekannter Act zum Fusion Festival passt?

Booker: Bekanntheit ersetzt keine Passung. Ein großer Name kann auf dem Gelände hervorragend funktionieren, wenn seine Musik und seine Bühnenpräsenz mit der Atmosphäre des Festivals korrespondieren. Es gibt aber auch Künstler, die in einer klassischen Arena oder einem Club besser aufgehoben sind. Die Größe eines Namens sagt wenig darüber aus, ob ein Auftritt hier spannend wird.

Wir prüfen, ob ein Act bereit ist, sich auf die besondere Umgebung einzulassen. Das Publikum kommt nicht ausschließlich wegen eines einzelnen Konzerts. Viele Menschen bleiben länger, wechseln zwischen Bühnen und entdecken spontan etwas Neues. Ein Star, der nur sein standardisiertes Set abliefert und keinerlei Verbindung zum Ort zulässt, kann deshalb weniger passend sein als eine unbekannte Band mit echtem Entdeckergeist.

Welche Funktion hat ein Headliner in eurem Programm?

Booker: Ein Headliner kann Orientierung geben und Menschen anziehen, die das Festival noch nicht gut kennen. Er ist ein sichtbarer Punkt in der Kommunikation. Trotzdem darf die gesamte Dramaturgie nicht auf wenige große Namen reduziert werden. Wir wollen, dass jemand nach einem Konzert auf der Hauptbühne zu einem kleinen Floor geht und dort den eigentlichen Höhepunkt des Abends erlebt.

Manchmal liegt die wichtigste Buchung in einem Slot, über den im Vorfeld kaum gesprochen wird. Ein früher Nachmittag kann für eine junge Band entscheidend sein. Eine nächtliche Clubshow kann einen Act in Erinnerung rufen, den am nächsten Tag plötzlich viele Menschen weiterempfehlen. Diese Dynamik lässt sich nicht vollständig planen, aber man kann die Voraussetzungen dafür schaffen.

Wie sieht die Arbeit nach der Zusage aus?

Booker: Dann beginnt der Teil, den das Publikum selten sieht. Verträge müssen abgestimmt, Reisewege organisiert, technische Angaben geprüft und Zeitpläne erstellt werden. Wir halten Kontakt zu den Künstlern und versuchen, Erwartungen früh zu klären. Bei internationalen Acts kommen Visa, Zollfragen oder zusätzliche Transportwege hinzu.

Auch kurzfristige Änderungen gehören dazu. Ein Flug fällt aus, eine Musikerin wird krank, ein Instrument kommt nicht an oder eine Band braucht mehr Zeit für den Aufbau. Dann müssen wir schnell reagieren, ohne die gesamte Planung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein gutes Booking endet deshalb nicht mit der Unterschrift. Es begleitet den Act bis zum letzten Ton und manchmal darüber hinaus.

Das Publikum bleibt Teil der Auswahl

Kann das Publikum beeinflussen, welche Acts künftig eingeladen werden?

Booker: Ja, auch wenn wir nicht nach einer reinen Wunschliste arbeiten. Reaktionen vor Ort, Gespräche, Nachrichten und Beobachtungen während der Konzerte fließen in unsere Arbeit ein. Wenn ein unbekannter Act plötzlich vor einer überfüllten Bühne spielt, ist das ein starkes Signal. Ebenso wichtig ist, wenn Menschen nach einem Auftritt gezielt nach einer Band fragen oder ihre Entdeckung weitertragen.

Trotzdem darf man Popularität nicht mit der einzigen Form von Erfolg verwechseln. Manche Konzerte funktionieren leise, in einem kleinen Kreis oder erst bei wiederholtem Hören. Unser Publikum ist sehr unterschiedlich. Einige suchen Tanz und körperliche Energie, andere kommen wegen experimenteller Klangformen oder politischer Texte. Ein gutes Programm hält diese verschiedenen Bedürfnisse aus.

Was macht eine gelungene Festivalnacht aus deiner Sicht aus?

Booker: Eine gelungene Nacht ist nicht vollständig vorhersehbar. Wir können passende Künstler auswählen, Zeitpläne bauen und gute Bedingungen schaffen. Der entscheidende Moment entsteht dann zwischen Musikern, Publikum, Raum und Situation. Vielleicht spielt eine Band vor Sonnenaufgang, obwohl sie ursprünglich für den frühen Abend geplant war. Vielleicht bleibt jemand wegen eines Regenschauers in einem Zelt und entdeckt dort den eigenen Lieblingsact.

Genau diese Verschiebungen sind wertvoll. Das Festival sollte Wege eröffnen, aber keine Gebrauchsanweisung liefern. Wenn Menschen mit einer persönlichen Erinnerung nach Hause fahren, die sich nicht auf den größten Namen des Programms reduzieren lässt, war die Auswahl erfolgreich.

Woran erkennt man am Ende, dass ein Booking richtig war?

Booker: Nicht an den Zahlen allein. Natürlich schauen wir auf Auslastung, Resonanz und organisatorische Abläufe. Wir sprechen aber auch mit den Künstlern darüber, wie sie den Auftritt erlebt haben. Hat das Publikum zugehört? War die Bühne passend? Konnte die Band etwas ausprobieren? Solche Rückmeldungen zeigen, ob eine Verbindung entstanden ist.

Manchmal wissen wir erst Jahre später, welche Entscheidung besonders wichtig war. Eine Band entwickelt sich weiter, kommt wieder und bringt ein neues Publikum mit. Ein kleines Konzert wird zum Ausgangspunkt für eine längere Beziehung. Die Auswahl der Bands ist deshalb immer auch eine Wette auf Entwicklung. Wer nur den aktuellen Marktwert betrachtet, übersieht die eigentliche Kraft eines Festivals: Es kann Sichtbarkeit schaffen, bevor andere sie bemerken.