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Cymin Samawatie: Wenn Jazz Gedichte zum Klingen bringt

Cymin Samawatie bewegt sich dort, wo musikalische Formen durchlässig werden: zwischen Jazz, improvisierter Musik, persischer Poesie und zeitgenössischer Klangkunst. Ihre Stimme kann erzählen, flüstern, rhythmisch präzise führen oder sich in ein Ensemble einfügen, bis die Grenzen zwischen Solistin und Begleitung verschwimmen. Als Sängerin, Cellistin, Komponistin und Bandleaderin interessiert sie der Moment, in dem aus einzelnen Tönen ein gemeinsamer Atem entsteht.

Im Gespräch geht es um Gedichte als offene Partituren, um Mehrsprachigkeit und um die besondere Verantwortung, die eine Bühne mit sich bringt. Samawatie spricht über die Rolle des Cellos in ihrem musikalischen Denken, über Improvisation als Form des Zuhörens und über Konzerte, die sich nicht wiederholen lassen. Ihre Antworten zeigen eine Künstlerin, für die Jazz weniger Stilbegriff als Haltung ist: wach, beweglich und empfänglich für das Unvorhersehbare.

Zwischen Stimme, Saiten und Stille

Cymin, wann beginnt für dich ein musikalischer Gedanke?
Oft beginnt er nicht mit einer Melodie, sondern mit einer Klangfarbe. Ein Geräusch, eine Sprachmelodie oder eine bestimmte Bewegung kann der Ausgangspunkt sein. Beim Cello fasziniert mich, dass sein Ton körperlich und unmittelbar wirkt. Man hört die Reibung des Bogens, die Tiefe der Saiten und die kleinsten Veränderungen im Druck. Diese Nähe zum Material erinnert mich daran, dass Musik immer auch eine haptische Erfahrung ist.

Die Stimme funktioniert ähnlich, nur dass sie untrennbar mit dem Atem verbunden ist. Ein gesungener Ton trägt eine Geschichte, selbst wenn kein konkretes Wort erklingt. Wenn ich zwischen Cello und Gesang wechsle, verändere ich meine Perspektive auf das Stück. Das Instrument kann einen Raum öffnen, in dem die Stimme anschließend anders erscheint. Manchmal singe ich gegen den Klang des Cellos an, manchmal folge ich ihm. Entscheidend ist, dass beide Ebenen miteinander in Bewegung bleiben.

Im Jazz wird diese Beweglichkeit durch die Improvisation besonders deutlich. Für Samawatie bedeutet Improvisieren nicht, spontan möglichst viele Ideen zu produzieren. Vielmehr geht es um Aufmerksamkeit. Wer mit anderen Musikerinnen und Musikern spielt, muss auf Dynamik, Pausen und kleinste Impulse reagieren. Eine musikalische Antwort kann aus drei Tönen bestehen oder aus einem langen Schweigen. Gerade diese Reduktion verlangt eine große Konzentration.

Ihre Arbeit steht damit auch für eine erweiterte Vorstellung von Jazz. Das Genre erscheint nicht als festgelegtes Vokabular, sondern als Dialogform. Harmonische Strukturen, freie Passagen, elektronische Texturen und traditionelle Klangvorstellungen können nebeneinander existieren, wenn sie dramaturgisch miteinander verbunden sind. In dieser Offenheit liegt ein wesentlicher Reiz ihrer Musik.

Poesie als musikalischer Raum

Welche Bedeutung haben Gedichte für deine Kompositionen?
Ein Gedicht liefert mir selten eine fertige Geschichte, die ich einfach vertone. Mich interessiert eher seine innere Architektur: die Atemzüge, die Wiederholungen, die Brüche und die Bilder. Ein Text kann eine Richtung vorgeben und gleichzeitig viele Fragen offenlassen. Genau diese Offenheit ist für die Musik wertvoll. Sie verhindert, dass ein Song alles ausformuliert.

Persische Lyrik spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie häufig mit Verdichtung arbeitet. Ein einzelnes Bild kann mehrere Zeitebenen oder emotionale Zustände in sich tragen. Beim Übersetzen geht etwas verloren, aber es entsteht auch etwas Neues. Samawatie betrachtet diese Verschiebung nicht als Mangel, sondern als kreativen Vorgang. Musik kann dort weiterdenken, wo Sprache an ihre Grenzen kommt.

„Poesie muss nicht dekorativ sein“, sagt sie im Gespräch. „Sie kann eine Struktur sein, in der sich die Musik bewegt.“ Das zeigt sich in ihren Arrangements: Ein Text wird nicht zwangsläufig von Akkorden begleitet, sondern kann durch rhythmische Muster, Klangflächen oder Gegenstimmen gespiegelt werden. Einzelne Silben treten hervor, während andere beinahe verschwinden. So entsteht eine Komposition, in der Verständlichkeit und Rätselhaftigkeit nebeneinander bestehen.

Diese Balance unterscheidet eine poetische Liedgestaltung von einer bloßen Illustration. Die Musik legt sich nicht unter den Text wie eine Hintergrundtapete. Sie setzt eigene Akzente, widerspricht manchmal und verschiebt die Perspektive. Auch in der aktuellen Musikberichterstattung lässt sich beobachten, wie unterschiedlich ein Stück aufgenommen wird: Eine Vorab-Review der Broilers konzentriert sich etwa auf den ersten Eindruck eines neuen Songs, während Samawaties Arbeit stärker auf längere Hörbewegungen und offene Bedeutungsräume setzt.

Herkunft, Sprache und offene Ohren

Samawaties Musik ist von verschiedenen kulturellen Erfahrungen geprägt, ohne sich auf eine eindeutige Herkunftserzählung reduzieren zu lassen. Die Verbindung zu persischer Sprache und Literatur ist präsent, doch sie wird nicht als Folklore ausgestellt. Ihr Ansatz sucht keine vermeintlich authentische Klangfarbe, die ein Publikum sofort erkennen soll. Stattdessen entstehen Begegnungen, in denen unterschiedliche musikalische Erinnerungen miteinander verhandelt werden.

Ist Mehrsprachigkeit eine Herausforderung oder eine musikalische Ressource?
Beides, antwortet Samawatie. Jede Sprache besitzt eine eigene Körperlichkeit. Konsonanten erzeugen Impulse, Vokale verlängern den Atem, und der Rhythmus eines Satzes beeinflusst die musikalische Phrasierung. Wenn mehrere Sprachen in einem Stück zusammentreffen, müssen sie nicht künstlich angeglichen werden. Ihre Unterschiede können hörbar bleiben und dennoch einen gemeinsamen Zusammenhang bilden.

Für die Sängerin bedeutet das, den Text nicht bloß korrekt auszusprechen. Sie muss seine Energie erfassen: Wo liegt Spannung? Wo kippt eine Aussage? Welche Silbe trägt das Gewicht eines Bildes? Diese Fragen führen direkt in die musikalische Arbeit. Der Gesang wird dadurch zu einer Form von Übersetzung, die nicht auf eine einzige Bedeutung festgelegt ist.

Auch ihre Zusammenarbeit mit Ensembles folgt diesem Gedanken. Samawatie interessiert sich für Gruppen, in denen individuelle Stimmen erkennbar bleiben. Ein Ensemble soll nicht wie ein glatt polierter Block klingen, sondern wie ein sozialer Raum. Unterschiedliche Erfahrungen, Spielweisen und Temperamente dürfen Spuren hinterlassen. Das erfordert Proben, in denen nicht nur die Noten geklärt werden, sondern auch das gegenseitige Zuhören.

Dabei spielt die Komposition eine ordnende Rolle. Freie Improvisation braucht Rahmenbedingungen, damit sie nicht beliebig wird. Eine klare Form kann den Musikerinnen und Musikern Sicherheit geben und zugleich Freiheiten eröffnen. Samawatie arbeitet deshalb mit Übergängen, Wiederholungen und bewusst gesetzten Leerstellen. Innerhalb dieser Struktur kann ein Konzertabend seine eigene Dramaturgie entwickeln.

Bühne als gemeinsamer Resonanzkörper

Live-Musik ist für Samawatie ein eigenständiger Schaffensraum. Ein Konzert bildet nicht einfach eine vorher einstudierte Aufnahme ab. Akustik, Publikum, Tagesform und die Energie des Ensembles beeinflussen, wie ein Stück an diesem Abend klingt. Eine Passage, die im Proberaum zurückhaltend wirkt, kann auf der Bühne plötzlich eine starke Spannung entwickeln. Umgekehrt kann eine vermeintlich große Geste durch eine unerwartete Stille ihre Wirkung verändern.

Was erwartest du vom Publikum?
„Eigentlich nichts Bestimmtes“, erklärt sie. „Ich wünsche mir eine anwesende Aufmerksamkeit, aber keine festgelegte Reaktion.“ Ein Konzert müsse nicht für alle Menschen dasselbe bedeuten. Manche hörten zuerst die Stimme, andere den Rhythmus, die Instrumentalfarben oder die Worte. Diese verschiedenen Zugänge seien kein Problem, sondern Teil der Musik.

Ihre Vorstellung von Konzertkultur ist deshalb weit entfernt von einem reinen Abspielen. Die Bühne wird zum Resonanzkörper, in dem sich die Beiträge aller Beteiligten treffen. Auch das Publikum gestaltet den Abend mit, selbst wenn es keinen Ton erzeugt. Ein konzentrierter Raum kann eine fragile Passage tragen; Unruhe verändert die Wahrnehmung. Diese Wechselwirkung macht den Live-Moment unwiederholbar.

Zur visuellen Seite solcher Abende gehört die Konzertfotografie. Gute Bilder dokumentieren nicht nur Gesten und Licht, sondern können zeigen, wie Musikerinnen und Musiker miteinander kommunizieren. Die besten Konzertbilder aus Gelsenkirchen machen auf andere Weise sichtbar, wie stark Bühnenmomente über Körperhaltung, Raum und Blickrichtungen erzählt werden. Bei Samawaties Auftritten wäre besonders der Wechsel zwischen konzentrierter Ruhe und plötzlicher Bewegung ein spannendes Motiv.

Wer ihre Musik live erleben möchte, findet aktuelle Hinweise und Tickets für Konzerte über die Veranstaltungsübersicht. Der direkte Kontakt zum Publikum bleibt für Samawatie ein wichtiger Teil ihrer Arbeit, weil die Stücke im Konzert ihre endgültige Form nicht allein durch die Notation erhalten. Erst die gemeinsame Zeit im Raum entscheidet, wie intensiv eine musikalische Idee aufscheint.

Hörspuren für neugierige Ohren

Samawaties Zugang zum Jazz lädt dazu ein, Musik langsamer und mit größerer Offenheit zu hören. Ein Stück muss nicht sofort vollständig verständlich sein. Seine Wirkung kann sich über Klangfarben, Wiederholungen und kleine Veränderungen entfalten. Wer sich auf diese Prozesse einlässt, entdeckt in ihrer Musik eine besondere Verbindung aus Präzision und Freiheit.

Für die Sängerin und Cellistin ist Poesie dabei kein abgetrennter Bereich. Sie reicht in die Improvisation, in die Ensemblearbeit und in die Art hinein, wie ein Konzert gestaltet wird. Das Gedicht gibt Impulse, aber die Musik darf eigene Wege einschlagen. Zwischen Stimme und Instrument entsteht ein Dialog, der sich nicht auf eine Botschaft reduzieren lässt. Gerade darin liegt die nachhaltige Kraft ihrer Stücke.

Wer sich dieser Klangwelt nähern möchte, kann mit unterschiedlichen Hörhaltungen experimentieren:

Im Gespräch bleibt Samawatie bei aller Klarheit offen für Widersprüche. Sie möchte Musik gestalten, die Halt gibt, ohne alle Deutungen festzuschreiben. Jazz und Poesie treffen sich bei ihr in diesem Zwischenraum: Beide vertrauen darauf, dass ein Ton, ein Wort oder eine Pause weiterwirken kann, nachdem der eigentliche Moment bereits vergangen ist.